Unter all den großen Barockkomponisten, deren Musik Gitarristen für sich entdeckt haben, fühlt sich keiner so natürlich auf dem Instrument zuhause wie Domenico Scarlatti (1685–1757). Er hat nie eine Note für die Gitarre geschrieben — seine 555 Sonaten entstanden für das Cembalo — und doch scheinen viele von ihnen schon immer auf sechs Saiten gewartet zu haben, voll von akkordischen Griffen, springenden Rhythmen und dem unverwechselbaren Klang Spaniens.
Ein Italiener auf der Iberischen Halbinsel
Scarlatti wurde am 26. Oktober 1685 in Neapel geboren — im selben Jahr wie Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel — und wuchs in einer der bedeutendsten Musikerfamilien Italiens auf. Sein Vater Alessandro Scarlatti war eine prägende Gestalt der Barockoper, und Domenico tauchte von frühester Kindheit an in professionelles Musikleben ein. Er studierte in Neapel, arbeitete vorübergehend in Florenz und Rom und hatte sich bis Mitte dreißig als Cembalovirtuose ersten Ranges etabliert.
Der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben kam 1719, als er in den Dienst des portugiesischen Königshofs in Lissabon trat. Dort unterrichtete er die junge Prinzessin Maria Barbara von Portugal — eine begabte Musikerin, die später Königin von Spanien werden sollte. Als sie 1729 in die spanische Königsfamilie einheiratete, folgte Scarlatti ihr nach Madrid. Er verbrachte die verbleibenden 28 Jahre seines Lebens auf der Iberischen Halbinsel, und diese Zeit veränderte seine Musik von Grund auf. Dem Namen nach blieb er Italiener — musikalisch wurde er ein Spanier.
Der Klang Spaniens in jeder Sonate
In Madrid nahm Scarlatti die musikalische Welt um sich herum mit außergewöhnlicher Offenheit auf. Die Rasgueo-Akkorde der spanischen Gitarre, die Rhythmen des Flamenco und der Volkstänze, die harten Dissonanzen, die offene und gegriffene Saiten imitieren — all das fand seinen Weg in sein Cembaloschaffen. Seine Sonaten strotzen vor Effekten, die auf dem Cembalo eigentlich keinen Sinn ergeben: rasche Wiederholungsnoten, die an das Zupfen einer Gitarre erinnern, plötzliche Sprünge, die wie das Schnappen einer Saite klingen, und ganze Passagen, die unter den Fingern eines Gitarristen liegen, als wären sie dort aus Instinkt geschrieben.
Genau deshalb übertragen sich die Sonaten so wunderbar auf die klassische Gitarre. Wer Scarlatti auf der Gitarre spielt, gibt die Musik gewissermaßen einer ihrer ursprünglichen Inspirationen zurück. Das Instrument, das Scarlatti auf den Straßen und in den Höfen Spaniens gehört hat, ist der direkte Vorfahre der modernen klassischen Gitarre, und sein Cembalostil trägt seine DNA durch und durch.
555 Sonaten: Form und Stil
Der Umfang von Scarlattis Werk ist bemerkenswert. Er komponierte 555 Klaviersonaten — eine Zahl, die durch den Kirkpatrick-Katalog bestätigt wird, den der amerikanische Cembalist und Musikwissenschaftler Ralph Kirkpatrick 1953 erstellte. Jede Sonate ist ein einziger, kompakter Satz, fast immer in binärer Form: zwei Teile, jeder wiederholt, wobei der erste von der Grundtonart wegführt und der zweite zu ihr zurückkehrt. Die meisten dauern zwischen zwei und fünf Minuten.
Innerhalb dieser eng gesetzten Form scheint Scarlattis Erfindungsreichtum unerschöpflich. Die Sonaten reichen von sanft und gesanglich bis brillant und feurig, von meditativ und lyrisch bis rhythmisch wild. Viele sind in den Manuskripten paarweise angeordnet — eine langsame und eine schnelle Sonate in derselben Tonart, die zusammen aufgeführt werden sollten. Die Katalognummern (K.-Nummern nach Kirkpatrick oder L.-Nummern nach dem älteren Longo-Katalog) sind die Standardbezeichnungen für einzelne Werke.
Die beliebtesten Sonaten für Gitarre
Unter den Hunderten von Sonaten haben sich bestimmte Stücke als feste Größen im Gitarrenrepertoire etabliert. Die Sonate in E-Dur, K. 380 ist wohl die meistgespielte auf der Gitarre — ihre singende, weitgespannte Melodie und die sanft wiegende Begleitung liegen perfekt auf dem Instrument, und sie wurde von Generationen klassischer Gitarristen aufgenommen. Die Sonate in C-Dur, K. 159 (manchmal „La Caccia" — die Jagd — genannt) bringt lebhafte rhythmische Energie mit und macht beim Spielen enorm viel Spaß.
Die lyrische K. 208 in A-Dur ist ein weiterer Favorit — bewegend und nachdenklich im Charakter —, während die energiegeladene K. 322 und die feurige K. 391 beliebte Wahlstücke für Spieler sind, die sowohl Tempo als auch Artikulation zeigen wollen. Die K. 11 in c-Moll hat einen dunklen, improvisatorischen Charakter, der besonders gut zur Gitarre passt. Jedes dieser Stücke ist ein hervorragender Einstiegspunkt für Gitarristen, die dieses Repertoire zum ersten Mal erkunden.
Jenseits dieser bekannten Stücke lohnt der Katalog die Erkundung. Viele Gitarristen haben ihre eigenen Lieblingssonaten gefunden, indem sie sich durch die weniger gespielten Nummern gearbeitet haben — wer bereit ist, tiefer einzutauchen, erlebt echte Entdeckungsmomente.
Andrés Segovia und die Gitarrentradition
Die Geschichte von Scarlatti auf der Gitarre ist untrennbar mit der Geschichte der klassischen Gitarre als Konzertinstrument verbunden. Andrés Segovia gehörte zu den ersten bedeutenden Gitarristen, die Scarlatti-Transkriptionen im frühen zwanzigsten Jahrhundert als Konzertstücke vertraten und damit entscheidend dazu beitrugen, die Sonaten als legitimes und bereicherndes Konzertrepertoire zu etablieren. Seine Aufnahmen machten die Musik weltweit einem breiten Publikum bekannt und zeigten, dass die Gitarre im Barockbereich neben Cembalo und Klavier bestehen kann.
Seit Segovia hat nahezu jeder bedeutende klassische Gitarrist mindestens einige Scarlatti-Stücke aufgenommen. Die Sonaten erscheinen auf Konzertprogrammen neben Bach, Tárrega und Barrios und bleiben ein Prüfstein dafür, was die Gitarre in der Barockmusik leisten kann. Zeitgenössische Gitarristen finden weiterhin neue Zugänge zu den Sonaten — historisch informierte Interpretationen, frische Transkriptionen, unerwartete Kombinationen mit anderem Repertoire.
Wie schwer sind Scarlatti-Sonaten auf der Gitarre?
Der Schwierigkeitsgrad variiert erheblich über die 555 Sonaten hinweg. Einige — darunter viele der beliebtesten Stücke — sind für einen soliden fortgeschrittenen Anfänger mit guter Technik und einem Gespür für den Barockstil zugänglich. Andere sind technisch anspruchsvoll und verlangen schnelle Läufe, präzise Stimmführung und saubere Artikulation in hohem Tempo. Als grobe Orientierung:
- Zugängliches Mittelstufen-Niveau: K. 208 (A-Dur), K. 380 (E-Dur). Moderates Tempo, klare Texturen, handhabbare Handpositionen.
- Gehobenes Mittelstufen-Niveau: K. 11 (c-Moll), K. 159 (C-Dur). Komplexere Rhythmen und größere Griffe, aber für ernsthafte Schüler erreichbar.
- Fortgeschrittenes Niveau: K. 322, K. 391 und viele der schnellen, feurigen Sonaten. Diese verlangen echte Geschwindigkeit, saubere Saitenwechsel und souveräne Ausführung von Verzierungen.
Was alle Scarlatti-Sonaten auf jedem Niveau verlangen, ist ein Gespür für den Barockstil. Verzierungen — Triller, Mordente, Vorschläge — sollten knapp und gut platziert sein. Rhythmen müssen federnd und tänzerisch wirken, niemals schwer. Die Stimmführung muss klar sein, die Melodie muss immer über der Begleitung sprechen. Das sind Fähigkeiten, die sich im gesamten Gitarren-Barockrepertoire auszahlen.
Transkription: Die Musik zur Gitarre zurückbringen
Jede Scarlatti-Sonate, die auf der Gitarre gespielt wird, ist eine Transkription — eine Bearbeitung von Musik, die für ein anderes Instrument geschrieben wurde. Das wirft echte künstlerische Fragen auf. Wie wörtlich soll dem Original gefolgt werden? Welche Verzierungen lassen sich gut übertragen, welche müssen angepasst werden? Wie geht man mit den Möglichkeiten des zweimanualigen Cembalos auf einem einzigen Instrument um?
Verschiedene Gitarristen haben diese Fragen unterschiedlich beantwortet. Manche, wie Segovia, schufen freie Arrangements, die idiomatisches Gitarrenspiel und Klangfarbe in den Vordergrund stellten. Andere folgen dem Cembaltext so genau wie möglich und fügen nur das Nötigste hinzu, damit es auf der Gitarre funktioniert. Zeitgenössische Gitarristen ziehen oft historische Quellen und informierte Aufführungspraxis zurate und überlegen, wie der originale Cembalostil in eine historisch bewusste Gitarrenlesart übersetzt werden könnte.
Es gibt keinen einzigen richtigen Ansatz. Die Vielfalt der verfügbaren Interpretationen — von Segovias romantischer Wärme bis zu nüchterneren historisch informierten Lesarten — ist eine der Freuden dieses Repertoires. Jede Transkription beleuchtet andere Aspekte des musikalischen Charakters.
Scarlatti und das weitere Barock-Gitarrenrepertoire
Scarlatti steht im Zentrum des Barockrepertoires der klassischen Gitarre, neben Bach, Händel und Komponisten, die tatsächlich für die Barockgitarre schrieben, wie Robert de Visée und Gaspar Sanz. Die Barockzeit (grob 1600–1750) brachte eine enorme Menge Musik hervor, die sich gut auf die moderne klassische Gitarre übertragen lässt, und Scarlattis Sonaten gehören zu den lohnendsten Beispielen.
Wenn du Scarlatti auf der Gitarre genießt, könnte dich auch Bachs Lauten- und Klaviermusik in Gitarrentranskription interessieren, oder du erkundest das breitere klassische Gitarrenrepertoire. Die Fähigkeiten, die du beim Spielen von Scarlatti entwickelst — Stimmklarheit, präzise Verzierungsausführung, rhythmische Federung — werden dir im gesamten Frühmusik-Gitarrenkanon zugutekommen. Unter den großen klassischen Gitarristen findest du viele, die maßgebliche Scarlatti-Einspielungen hinterlassen haben, die es sich lohnt zu studieren.
Wo bekommst du die Noten?
Scarlatti starb 1757, was bedeutet, dass seine Musik seit langem gemeinfrei ist. Gitarrentranskriptionen sind weit verbreitet — sowohl als gedruckte Ausgaben großer Verlage als auch als kostenlose Downloads auf Gemeinfrei-Musikseiten. Die originalen Cembalotexte sind ebenfalls frei verfügbar, und viele Gitarristen fertigen gerne eigene Transkriptionen an — das ist eine wertvolle Lernübung, um zu verstehen, wie die Musik funktioniert.
Für Spieler, die edierte, fingersatzmäßig ausgearbeitete Ausgaben bevorzugen, bringen mehrere Verlage gitarrenspezifische Scarlatti-Sammlungen mit sorgfältigem Fingersatz und redaktionellen Hinweisen heraus. Diese sind besonders hilfreich für Schüler, die neu im Barockstil sind und Unterstützung bei der Ausführung von Verzierungen und Phrasierung suchen.
Häufig gestellte Fragen
Hat Domenico Scarlatti für die Gitarre geschrieben?
Nein. Scarlatti schrieb alle seine 555 Sonaten für das Cembalo. Da jedoch der gesamte Klang der spanischen Gitarre seine Musik durchzieht — besonders die Gitarrenklänge, die er in Madrid aufnahm —, transkribieren sich viele Sonaten außergewöhnlich gut auf die klassische Gitarre.
Wie viele Scarlatti-Sonaten gibt es?
555, wie von Ralph Kirkpatrick 1953 katalogisiert. Die K.-Nummern (Kirkpatrick-Katalog) sind die Standardbezeichnung. Ein älterer Katalog von Alessandro Longo vergibt L.-Nummern, die gelegentlich noch verwendet werden.
Welche Scarlatti-Sonate sollte ein Gitarrist zuerst lernen?
K. 380 in E-Dur ist der beliebteste Einstiegspunkt — sie ist melodisch schön, liegt gut auf der Gitarre und ist nicht übermäßig schwer. K. 208 in A-Dur ist eine weitere ausgezeichnete Wahl für Spieler auf mittlerem Niveau.
Hat Andrés Segovia Scarlatti aufgenommen?
Ja. Segovia war eine der Schlüsselfiguren bei der Etablierung von Scarlatti-Transkriptionen im klassischen Gitarrenrepertoire, und seine Aufnahmen brachten die Sonaten im zwanzigsten Jahrhundert einem breiten Publikum nahe.
Sind Scarlattis Noten kostenlos erhältlich?
Ja — Scarlattis Musik ist gemeinfrei, und sowohl die originalen Cembalotexte als auch viele Gitarrentranskriptionen stehen als kostenlose legale Downloads in Gemeinfrei-Musikbibliotheken zur Verfügung.
Warum passt Scarlattis Musik so gut zur Gitarre?
Weil Scarlatti fast drei Jahrzehnte in Spanien lebte, umgeben von den Klängen der spanischen Gitarre und des Flamenco. Diese Einflüsse durchdringen sein Cembaloschaffen und machen es ungewöhnlich natürlich, es auf die Gitarre zurückzuübertragen.
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Dieser Artikel ist Teil unseres klassischen Gitarren-Repertoireführers. Sieh dir auch den Überblick über berühmte Gitarrenstücke und unseren Artikel über Johann Sebastian Bach auf der Gitarre an.





