Lascia ch'io pianga by Handel on Classical Guitar — Tutorial

Lascia ch'io pianga von Händel auf der Klassikgitarre — Tutorial

"Lascia ch'io pianga" gehört zu den bekanntesten Arien des gesamten barocken Repertoires. George Frideric Handel schrieb sie für seine Oper Rinaldo, die 1711 in London uraufgeführt wurde. Seitdem hat diese kurze, tief berührende Arie den Weg aus dem Opernhaus heraus gefunden — in Konzertsäle, Filmmusiken und heute auch auf die klassische Gitarre. In diesem Artikel erfährst du, wie die Arie entstand, warum sie auf Nylonsaiten so natürlich klingt und wie Gitarristin Karlijn Langendijk sie auf dem Siccas-Guitars-Kanal interpretiert.

Der Ursprung: Handels Oper Rinaldo

George Frideric Handel komponierte Rinaldo im Jahr 1711 — eine der ersten italienischsprachigen Opern, die eigens für das Londoner Publikum geschrieben wurden. Das Libretto stammte von Giacomo Rossi, der sich an Torquato Tassos Epos Gerusalemme Liberata orientierte. Die Handlung erzählt von dem Kreuzritter Rinaldo und seiner Geliebten Almirena, die vom Sarazenenkönig Argante entführt wird.

"Lascia ch'io pianga" singt Almirena im zweiten Akt, während sie in Gefangenschaft gehalten wird. Der Titel bedeutet auf Deutsch "Lass mich weinen" — eine direkte, schlichte Bitte um das Recht zu trauern. Der vollständige Text fährt fort: "…mia cruda sorte, e che sospiri la libertà" — "mein grausames Schicksal, und dass ich nach Freiheit seufzen darf." Wenige Arien der Barockzeit drücken Trauer mit solcher Sparsamkeit aus.

Historisch interessant ist, dass Handel diese Melodie nicht neu für Rinaldo erfand. Er entnahm sie — wie in seiner Zeit üblich — seinem eigenen früheren Werk: dem Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno von 1707, wo dieselbe Melodie einem anderen Text und einem anderen emotionalen Kontext diente. In Rinaldo fand sie ihre endgültige Heimat. Im Original steht die Arie in F-Dur; auf der Gitarre wird sie üblicherweise nach D-Dur oder E-Dur transponiert, um der Lage und dem Klangcharakter des Instruments entgegenzukommen.

Musikalischer Aufbau und warum er auf der Gitarre funktioniert

Die Arie ist über einem Ground Bass aufgebaut — einer sich wiederholenden Basslinie, über der sich die Melodie entfaltet. Dieses kompositorische Verfahren, der Basso ostinato, war ein zentrales Mittel der Barockkomposition. Die wiederkehrende Basslinie schafft harmonische Stabilität und zugleich ein Gefühl der Unweigerlichkeit, das das emotionale Gewicht des Textes verstärkt. Für Almirena gibt es keinen Ausweg — die Musik spiegelt diese Kreisbewegung wider.

Auf der Gitarre ist diese Struktur besonders gut aufgehoben. Das Instrument kann gleichzeitig die Basslinie mit dem Daumen führen und die Melodie mit den Fingern singen — eine natürliche polyphone Textur, die kein einzelnes Blas- oder Streichinstrument ohne Bearbeitung erreicht. Die Nylonsaiten dämpfen den Anschlag und tragen die langen Melodiebögen auf eine Weise, die der menschlichen Stimme nahekommt. Während das Cembalo jeden Ton kurz abschneidet und das Klavier für diese Musik oft zu perkussiv wirkt, atmet die Gitarre.

Die Schlichtheit der harmonischen Sprache — weitgehend diatonisch, mit Vorhalten und Auflösungen, die zwingend wirken — bedeutet, dass die Wirkung aus der Phrasierung entsteht, nicht aus harmonischer Komplexität. Das stellt hohe Anforderungen an den Interpreten. In diesem Stück gibt es keinen Platz zum Verstecken. Jedes kleine Rubato, jede dynamische Tönung der Melodie, jede Atempause zwischen den Phrasen liegt offen.

Karlijn Langendijk: Tutorial auf dem Siccas-Guitars-Kanal

Karlijn Langendijk ist die Gitarristin, die "Lascia ch'io pianga" auf dem YouTube-Kanal von Siccas Guitars vorstellt. Ihr Ansatz ist pädagogisch: Sie führt durch das Stück auf eine Weise, die sowohl für Zuhörer nützlich ist, die die Musik verstehen wollen, als auch für Spieler, die es auf der Gitarre erlernen möchten.

Das Video zeigt, wie natürlich sich die Melodie unter der Hand auf der klassischen Gitarre anfühlt und wie die Basslinie ein stabiles rhythmisches und harmonisches Fundament bildet. Langendijk widmet sich besonders den langen, gehaltenen Noten in der Melodie — eine der größten Herausforderungen des Stücks auf der Gitarre, wo der Sustain begrenzt ist und durch präzisen Linkhanddruck und gezielte Tonerzeugung der rechten Hand maximiert werden muss.

Für Spieler, die "Lascia ch'io pianga" zum ersten Mal angehen, sind die technischen Anforderungen überschaubar, die musikalischen jedoch hoch. Die linke Hand muss sanfte Verbindungen zwischen den Griffpositionen aufrechterhalten, ohne die Melodielinie zu unterbrechen. Die rechte Hand muss klar zwischen der Bassstimme und der Oberstimme differenzieren — eine Frage von Anschlagswinkel und Nagelform. Das Tutorial macht diese Herausforderungen explizit, anstatt sie dem Schluss des Spielers zu überlassen.

Handel und das Gitarrenrepertoire

Handel wird nicht als Gitarrenkomponist wahrgenommen. Er war in erster Linie Opern-, Oratorien- und Cembalokompist der Spätbarockzeit — er starb 1759. Seine Musik wurde nicht für die Gitarre geschrieben, und das klassische Instrument, wie wir es heute kennen, existierte zu seinen Lebzeiten noch nicht. Dennoch haben einige seiner Werke — vor allem langsame, gesangliche Melodielinien — in Gitarrenarrangements einen festen Platz im pädagogischen und konzertanten Repertoire des Instruments gefunden.

Der Grund ist einfach: Handel war ein außergewöhnlicher Melodiker. Seine langsamen Arien bewegen sich in langen Bögen, mit Ornamentik, die die Linie stützt statt zu verschleiern, und mit harmonischer Stützung, die sich auf einem bundbesetzten Instrument natürlich anfühlt. "Lascia ch'io pianga" ist das Stück, das die meisten Spieler zuerst kennenlernen. Daneben gibt es weitere Werke — Sätze aus seinen Klaviersuiten und andere Opernexzerpte — die der Erkundung lohnen.

Der weitere Kontext von Barockmusik auf der Gitarre ist erwähnenswert. Die Spätbarockzeit brachte einige der reichsten Musik hervor, die heute für klassische Gitarre arrangiert wird. Johann Sebastian Bachs Lautensuiten und Cellosuiten sind zum Kern des Gitarrenkanons geworden. Für mehr über Bachs Musik auf der Gitarre lies unseren Artikel über Bach auf der klassischen Gitarre. Handel nimmt eine andere Stellung ein — seine Gitarrenarrangements sind weniger zahlreich und meist Übertragungen vokaler oder klavieristischer Originale — aber "Lascia ch'io pianga" hat echten kanonischen Status erlangt. Du findest es in Schülerkonzerten, auf professionellen Einspielungen und in Sammlungen für Fortgeschrittene.

Die Arie im Kontext: Barocke Oper und die Gitarre

Als Handel Rinaldo schrieb, begann London gerade seine lange Liebesgeschichte mit der italienischen Oper. Das Genre war modisch, teuer und umstritten. Handels Genie bestand darin, die italienische Opernidiomatik mit einer Grandiosität und emotionalen Direktheit auszustatten, die kulturellen Widerstand überwand. Rinaldo war ein Erfolg, und "Lascia ch'io pianga" war einer seiner ergreifendsten Momente.

Die Arie überdauerte die Oper. Während Rinaldo für den Großteil des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem aktiven Repertoire verschwand — wie Barockoper generell —, wurde "Lascia ch'io pianga" unabhängig aufgeführt und arrangiert. Die Barockrenaissance des 20. Jahrhunderts brachte Rinaldo zurück auf die Bühne, doch da hatte die Arie längst eine eigenständige Existenz als einzelnes Musikstück gefunden.

Ihr Auftauchen in zeitgenössischen Medien hat diesen Status weiter gefestigt. Die Arie wurde in Filmen und Fernsehproduktionen eingesetzt, die ein unmittelbares emotionales Gewicht suchten, ohne dramatischen Kontext aufbauen zu müssen. Die Melodie ist sofort wiedererkennbar, selbst für Zuhörer, die nichts über Handel oder Barockoper wissen.

„Lascia ch'io pianga" auf der klassischen Gitarre lernen

Für Gitarristen, die dieses Stück erlernen möchten, sind einige praktische Hinweise hilfreich.

Transposition: Das Original steht in F-Dur. Auf der Gitarre wird das Stück am häufigsten in D-Dur oder E-Dur gespielt. D-Dur ist besonders natürlich auf dem Instrument, da mehrere leere Saiten für die Basslinie und für das Halten bestimmter Melodienoten genutzt werden können. E-Dur verschiebt das Stück etwas höher und klingt heller.

Fingersatz der Melodie: Die Oberstimme sollte mit konsequenter Fingerzuweisung gespielt werden, um klangliche Einheitlichkeit zu gewährleisten. Ein unbeständiger Wechsel zwischen Fingern mitten in einer Phrase erzeugt subtile Klangunterschiede, die den Legato-Charakter der Linie unterbrechen. Viele Spieler verwenden den Zeigefinger als primären Melodiefinger und wechseln für aufeinanderfolgende Noten auf derselben Saite zum Mittelfinger.

Rhythmus: Die Arie bewegt sich in einem langsamen Dreiertakt. Das Tempo sollte geduldig sein — nicht so langsam, dass Phrasen ihre Richtung verlieren, aber nicht so schnell, dass das Ausdruckspotenzial jeder langen Note abgeschnitten wird. Höre dir Gesangsaufnahmen der Arie neben Gitarrenversionen an, um ein Gespür dafür zu entwickeln, wo die Phrase atmen möchte.

Ornamentik: Die Barockaufführungspraxis umfasste improvisierte Ornamente — Triller, Mordente, Drehungen — besonders bei wiederholten Phrasen. Auf der Gitarre funktionieren einfachere Ornamente besser als ausladende Barocktriller. Ein leichter Mordent auf dem Höhepunkt des Melodiebogens kann Eleganz hinzufügen, ohne die Textur zu überwältigen. Das Karlijn-Langendijk-Video auf dem Siccas-Kanal geht auf diese Frage direkt ein und ist ein nützlicher Ausgangspunkt.

Dynamik: Das Stück reagiert gut auf subtilen dynamischen Kontrast zwischen Bass und Melodie. Die Basslinie sollte präsent, aber untergeordnet sein; die Melodie soll darüber singen. Viele Spieler im Mittelstufenbereich kehren dieses Gleichgewicht unbeabsichtlich um — der Daumen ist oft der stärkere Finger, und ohne bewusste Aufmerksamkeit kann er die Oberstimme überwältigen.

Warum dieses Stück in jedes Repertoire gehört

Es gibt gute Argumente dafür, dass jeder klassische Gitarrist "Lascia ch'io pianga" kennen sollte — nicht nur als technische Übung, sondern als musikalische Erfahrung. Das Stück verlangt von dir, eine Melodielinie zu tragen, Stimmen auszubalancieren und Phrasen mit Sensibilität zu formen. Das sind keine Zusatzfähigkeiten, sondern der Kern des klassischen Gitarrenspiels.

Jenseits des pädagogischen Wertes bietet das Stück etwas Selteneres: Es ist wirklich bewegend, wenn es gut gespielt wird. In einem Repertoire, das technisch anspruchsvolle Schaustücke und aufwändige polyphone Werke umfasst, sticht eine schlichte Arie hervor, die nichts als Geduld und Feingefühl verlangt. Spieler, die sie sorgfältig erarbeiten, kehren oft immer wieder zu ihr zurück — gerade weil es in ihrer scheinbaren Einfachheit immer noch etwas zu entdecken gibt.

Die Fähigkeit der klassischen Gitarre, Vokalmusik zu vermitteln, ist eine ihrer markantesten Eigenschaften. Die Ursprünge des Instruments liegen teilweise in der Liedbegleitung, und Arrangements von Vokalmusik — von Barockdarien wie dieser über spanische Lieder bis hin zu den gesanglichen Kompositionen von Agustín Barrios — gehören immer zu seinem Charakter. "Lascia ch'io pianga" ist eines der besten Beispiele dieser Tradition.

Einen umfassenderen Überblick über die Stücke, die den Kanon der klassischen Gitarre geprägt haben, findest du in unserem Leitfaden zu berühmten klassischen Gitarrenstücken. Außerdem empfehlen wir dir unseren Artikel über Francisco Tárrega — den Komponisten, der mehr als jeder andere die Ausdruckssprache des Instruments im 19. Jahrhundert geprägt hat.

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Wenn "Lascia ch'io pianga" dein Interesse an der Welt der klassischen Gitarre geweckt hat, gibt es noch viel mehr zu erkunden. Unsere Kollektion klassischer Gitarren umfasst Instrumente verschiedenster Gitarrenbauer und Preisklassen — von Schülerinstrumenten bis hin zu Konzertgitarren auf höchstem Niveau. Unsere Profile großer klassischer Gitarristen bieten tiefere Einblicke in die Spieler, die das Repertoire und die Technik des Instruments geprägt haben.

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