Unter den großen klassischen Gitarrenbauern der modernen Ära nimmt Richard Jacob Weissgerber (1877–1960) eine einzigartige Stellung ein. Geboren in Markneukirchen, der legendären Instrumentenbaustadt im sächsischen Vogtland, gilt er weithin als der kreativste, innovativste und mit Sicherheit vielseitigste Luthier des 20. Jahrhunderts. Ob man die Formenvielfalt seiner Instrumente, den Reichtum ihrer Ornamentik oder die Qualität ihres Klangs betrachtet — Weissgerbers Werk ist in seiner Breite bis heute unerreicht. Seine Instrumente werden von Sammlern, Musikhistorikern und Konzertgitarristen gleichermassen geschätzt, als Zeugnis eines Handwerkers, der bis zum Ende seines Lebens nicht aufhörte zu experimentieren.
Biografie und Ausbildung
Richard Jacob Weissgerber wurde 1877 in eine Familie hineingeboren, die bereits tief im Handwerk des Instrumentenbaus verwurzelt war. Sein Vater Carl August Jacob (1846–1918) war selbst Gitarrenbauer, und der junge Richard Jacob wuchs umgeben von reich verzierten Instrumenten aus der väterlichen Werkstatt auf. Sein Großvater mütterlicherseits, der Meisterhandwerker Christian Wilhelm Seidel, gab ihm seine erste formale Ausbildung in den Traditionen des Vogtländer Handwerks. Diese mehrgenerationelle Einbindung in das Handwerk legte für Weissgerber von Anfang an ein außergewöhnlich tiefes Fundament.
In seiner Jugend absolvierte er eine formale Lehre als Zithermacher — ein Handwerk, das Präzision sowohl in Akustik als auch in der Holzbearbeitung erfordert — bevor er sechs Jahre lang den Gitarrenbauer Wilhelm Voigt unterstützte. Diese Kombination aus Ausbildungen in verwandten Saiteninstrument-Traditionen gab ihm ein ungewöhnlich vielseitiges technisches Vokabular. Im Jahr 1905 gründete Richard Jacob, voller eigener Ideen und seines Könnens sicher, seine eigene Gitarrenwerkstatt in Markneukirchen. Früh in seiner Karriere ließ er den Namen „Weissgerber" als geschützten Markennamen eintragen und gab der Werkstatt damit eine klare Identität sowie die Freiheit zu innovieren.
Konstruktionsphilosophie
Weissgerbers Konstruktionsphilosophie entwickelte sich im Laufe seines Arbeitslebens grundlegend weiter — vom populären Wiener Stil seiner frühen Jahre hin zur spanischen Tradition, die sein reifes Werk prägen sollte. Den entscheidenden Wendepunkt brachte das Jahr 1921, als der berühmte Gitarrist Miguel Llobet Markneukirchen besuchte und für ihn spielte. 1924 kehrte Llobet zurück — diesmal in Begleitung von Andrés Segovia — und Weissgerber konnte die Instrumente der beiden Meister eingehend begutachten: eine Torres- und eine Manuel-Ramírez-Gitarre. Die Begegnung war transformativ. Das Ansprechverhalten, die Projektion und die klangliche Raffinesse dieser spanischen Instrumente setzten einen neuen Maßstab für das, was Weissgerber anstreben wollte.
Weitere Besuche von Spielern wie Emilio Pujol und Luise Walker, die ebenfalls mit ihren spanischen Instrumenten nach Markneukirchen kamen, vertieften sein Verständnis dieser Tradition. Er verinnerliche die Prinzipien der Torres-inspirierten Fächerbeleistung, des leichten Aufbaus und der akustisch abgestimmten Geometrie — kopierte aber nie einfach. Sein Markenzeichen war die Synthese spanischer Prinzipien mit seinem eigenen experimentellen Geist. Er erkundete ungewöhnliche Korpusformen, aufwendige Dekorschemata und eigenwillige Konstruktionsvarianten, die seine Instrumente von allem abhob, was andernorts gebaut wurde. Die Bandbreite seines Werks reichte von Torres-Modell-Konzertgitarren über Vihuelas bis hin zu barockinspirierten Formen und Instrumenten mit skulptierten, geriffelten Decken. Seine Vihuela von 1942 zeigt exemplarisch, wie weit seine Ambitionen über den konventionellen Gitarrenbau hinausgingen. Dieser Geist offener Erkundung stellt ihn in eine Reihe mit den großen Experimentatoren der Gitarrengeschichte, Persönlichkeiten wie Robert Bouchet und Daniel Friederich, die sich ebenfalls weigertem, sich von Konventionen einengen zu lassen.
Charakteristische Modelle
Weissgerbers Katalog war breiter als der nahezu jedes anderen Luthiers seiner Zeit. Seine Torres-Modell-Gitarren — Instrumente, die direkt von den Proportionen und der Beleistungsphilosophie Antonio de Torres' inspiriert sind — gehören zu seinen gefeiertsten, mit einem warmen, innigen Ton und außergewöhnlicher Ansprechbarkeit unter den Fingern. Diese Gitarren entstanden im Laufe seiner gesamten Karriere in verschiedenen Ausführungen, von schlichten Werkstattmodellen bis hin zu aufwendig ornamentierten Instrumenten mit eingelegten Rosetten, geflammten Zargen und Böden sowie exquisit gearbeiteten Griffbrettern.
Unter seinen ungewöhnlicheren Schöpfungen nimmt die Vihuela einen besonderen Platz ein. In seinem Katalog von 1935 verwendete Weissgerber den Begriff „Vihuela" für alle Instrumente dieses historischen Typs und stellte damit bewusst eine Verbindung zu den Renaissance-Traditionen des spanischen Zupfinstruments her. Das war kein bloßes Marketing — der Bau dieser Instrumente erforderte ein gründliches Verständnis historischer Luthieriepraxis, und Weissgerber brachte ihnen dieselbe Sorgfalt und Präzision entgegen wie seinen Konzertgitarren. Seine 1943 gebaute Gitarre, die Siegfried Behrend gehörte — mit einer markanten geriffelten Decke, die als erstes Instrument dieser Art gilt, das Weissgerber baute — ist ein weiteres Beispiel für seine Bereitschaft, Neuland zu betreten. Die Geschichte der romantischen und frühmodernen Gitarre führt durch Weissgerbers Werkstatt auf eine einzigartig greifbare Weise, da er über das gesamte Kontinuum von spätromantischen deutschen Formen bis zum modernen spanischen Konzertinstrument baute.
Bekannte Spieler
Schon früh in seiner Karriere zogen Weissgerber-Gitarren die Aufmerksamkeit und Treue führender Berufsgitarristen auf sich. Heinz Teuchert, Gründer der Frankfurter Schule des Gitarren- und Lautenspiels und einer der einflussreichsten Pädagogen der deutschen Gitarrenwelt, gehörte zu denen, die seine Instrumente spielten. Karl Scheit, der österreichische Gitarrist und Gelehrte, dessen Ausgaben und Aufnahmen das klassische Gitarrenrepertoire Mitte des 20. Jahrhunderts mitgestalteten, war eine weitere bedeutende Persönlichkeit, die mit Weissgerbers Werk verbunden ist. Die vielleicht bekannteste Verbindung besteht mit Siegfried Behrend, dem deutschen Virtuosen und unermüdlichen Verfechter der Gitarre als Konzertinstrument, dessen Weissgerber von 1943 — mit seiner ungewöhnlichen geriffelten Decke — zu einem der gefeiersten Beispiele des erfinderischen Geistes des Erbauers wurde.
Über diese namentlich genannten Spieler hinaus bestätigt das Gesamtbild, dass Weissgerbers Ruf bereits zu seinen Lebzeiten weit über Markneukirchen hinausreichte. Die Besuche von Llobet, Segovia, Pujol und Walker in seiner Werkstatt sind Belege für ein internationales Ansehen, das nur wenige deutsche Gitarrenbauer jener Zeit für sich beanspruchen konnten. Seine Instrumente blieben nicht im regionalen Umlauf; sie gelangten in die Hände der führenden Interpreten der Zeit und wurden auf Konzertbühnen in ganz Europa gespielt.
Vermächtnis
Richard Jacob Weissgerber starb 1960, nachdem er im letzten Jahr seines Lebens im Alter von 83 Jahren noch drei Instrumente fertiggestellt hatte. Allein diese Tatsache spricht für die Tiefe seiner Berufung. Sein ältester Sohn Martin Weissgerber (1911–1991) führte die Weissgerber-Gitarrenwerkstatt nach dem Tod seines Vaters weiter, bis zu ihrer endgültigen Schließung im Jahr 1990 — eine Spanne von fast neun Jahrzehnten kontinuierlichem Weissgerber-Gitarrenbau in Markneukirchen.
Die wissenschaftliche Anerkennung von Weissgerbers Bedeutung ist in den Jahrzehnten seit seinem Tod weiter gewachsen. Eine dem Autor Christof Hanusch gewidmete Monographie — WEISSGERBER – Gitarren von / Guitars by Richard Jacob — hat sein Werk eingehend dokumentiert. Mehrere seiner Instrumente befinden sich in der Sammlung des Musikinstrumenten-Museums der Universität Leipzig, wo sie als Primärdokumente der Luthierie des 20. Jahrhunderts studiert werden können. Die Breite und Originalität seines Werks macht es unmöglich, ein einziges Instrument als repräsentativ zu bezeichnen; man muss viele kennenlernen, um den vollen Umfang seiner Leistung zu begreifen. Für alle, die sich für die Schnittstelle deutschen Handwerks und der spanischen Gitarrentradition interessieren — oder einfach für Instrumente von außergewöhnlicher Qualität und historischer Strahlkraft — lohnt sich eine eingehende Beschäftigung mit dem Werk Richard Jacob Weissgerbers. Sein Platz unter den großen Meistern des Gitarrenbaus im 20. Jahrhundert ist gesichert, und seine Instrumente finden mit jeder Generation von Spielern und Sammlern neue Bewunderer.
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