Antonio Marchese – Eine neue Stimme in der italienischen Klassikgitarren-Tradition
Antonio Marchese gehört zu einer Generation italienischer Gitarrenbauer, die den klassischen Gitarrenbau mit akademischer Strenge und echter handwerklicher Leidenschaft verbinden. 1992 in Aosta geboren, hat er sich einen Ruf für Instrumente erarbeitet, die der spanischen Tradition treu bleiben und dabei eine unverwechselbar persönliche Ästhetik tragen — geprägt durch handgefertigtes Holzmosaik und die warme, leuchtende Tiefe des Schellackfinishs. Noch Anfang dreißig, gilt Marchese bereits als eine der vielversprechendsten Stimmen unter den zeitgenössischen klassischen Gitarrenbauern.
Ausbildung: Mailand, Voghera und die spanische Linie
Marcheses Ausbildung war gründlich und bewusst ohne Eile. Er schrieb sich an der Civica Scuola di Liuteria in Mailand ein, einer der angesehensten Instrumentenbauerschulen Italiens, und absolvierte ein sechsjähriges Programm. Die ersten vier Jahre widmeten sich dem Bau gezupfter Instrumente sowie dem Studium der Organologie, der Akustikphysik und der Chemie von Hölzern und Lacken. Die letzten zwei Jahre lenkte er seinen Blick auf die Restaurierung historischer Instrumente — eine Disziplin, die das Auge und die Hand auf eine Weise schärft, die der bloße Neubau allein nicht vermitteln kann.
Nach seinem Abschluss suchte Marchese praktische Vertiefung in der Werkstatt von Meistergeigenbauer Enrico Bottelli in Voghera bei Pavia. Zunächst als Lehrling, später als Mitarbeiter, sog er Bottelli's intensive Beschäftigung mit den Instrumenten der spanischen Tradition auf. Dieser Einfluss hat ihn nie verlassen: Er prägt jede strukturelle Entscheidung, von der Geometrie der Decke bis zur Wahl der Balken. Ähnlich wie Persönlichkeiten wie Ignacio Fleta das akkumulierte Wissen des spanischen Gitarrenbaus als Fundament nutzten, ohne sich ihm zu unterwerfen, hat auch Marchese diese Tradition als Ausgangspunkt begriffen, nicht als Fessel.
Während seiner Ausbildungsjahre beteiligte er sich außerdem an bedeutenden Kulturprojekten, die seinen Horizont erweiterten. Er wirkte als Gitarrenbauer und Restaurator an der Ausstellung Caravaggio e Monteverdi: sonar stromenti e figurar la musica im Geigenmuseum Cremona 2017 mit, sowie am Projekt Le Mani Sapienti der Fondazione Antonio Carlo Monzino — zunächst im Castello Sforzesco in Mailand während der Expo 2016, später im LAC Lugano Arte e Cultura in der Schweiz. Diese Erfahrungen verbanden sein Handwerk mit einem breiteren historischen und kulturellen Gespräch über den Platz des Instruments im italienischen Kunstleben.
Die Werkstatt in Montafia: Handwerk im Herzen des Monferrato
2019 eröffnete Marchese sein eigenes Atelier in Montafia, einem kleinen Dorf in den Hügeln des Monferrato im Piemont. Der Standort ist kein Zufall: Das Piemont hat eine lange, oft unterschätzte Geschichte des Instrumentenbaus, und dort zu arbeiten stellt Marchese in eine lebendige Tradition. Seine Lehrtätigkeit an der Accademia Liuteria Piemontese San Filippo in Turin, die er nach mehreren Jahren Lackierungsunterricht an der Civica Scuola di Liuteria in Mailand aufnahm, unterstreicht sein Engagement für die Weitergabe des Handwerks.
Die Werkstatt selbst arbeitet in bewusst gemessenem Tempo. Marchese baut eigene Modelle neben sorgfältig erforschten historischen Kopien, und jede Gitarre durchläuft denselben akribischen Veredelungsprozess. Sein Schellackfinish — in der traditionellen French-Polish-Technik aufgetragen, die er über viele Jahre verfeinert hat — verleiht seinen Instrumenten eine visuelle Wärme, die ihren klanglichen Charakter ergänzt. Die handgefertigten Holzmosaik-Arbeiten an Rosetten und Zierrändern sind ganz sein Eigenes — jedes Teil wird aus einzelnen Intarsien-Elementen zusammengesetzt, nicht aus vorgefertigten Streifen.
Konstruktionsansatz: Spanische Wurzeln, asymmetrische Intelligenz
Die Architektur einer Marchese-Gitarre spiegelt nachhaltiges Studium wider, keine bloße Ehrerbietung. Sein „Garcia"-Modell etwa entstand durch sorgfältige Untersuchung von drei historischen Garcia-Instrumenten und einer frühen Simplicio — das Ziel war, Bauprinzipien zu verstehen und zu verinnerlichen, nicht eine einzelne Gitarre zu kopieren. Das Ergebnis ist ein 8-Fächer-Balkensystem mit zwei Abschlussbalken und ohne Stegplatte, asymmetrisch ausgeführt: schmalere, höhere Balken auf der Diskantseite für Klarheit und Brillanz, breitere und niedrigere Balken auf der Bassseite für Tiefe und Resonanz.
Diese strukturelle Unterscheidung zwischen den beiden Hälften der Decke ist ein Zeichen eines Luthiers, der akustisch denkt, nicht nur ästhetisch. Die Decken, die er bevorzugt — häufig Fichte aus dem Val di Fiemme aus denselben Trentiner Wäldern, die mit der großen Geigenbautradition verbunden sind — werden auf 1,6 bis 1,8 mm abgestimmt, eine Dünnheit, die Vertrauen in Fügung und Beleistung gleichermaßen erfordert. Zargen und Boden aus exotischem Satinholz, kombiniert mit hochwertigen Griffbrettern aus gabunischem Ebenholz, vervollständigen Instrumente, die aus jedem Blickwinkel kohärent sind. Der Zusammenhang zwischen diesem Ansatz und der breiteren Fächerbalkentradition im klassischen Gitarrenbau ist klar, doch Marcheses Stimme darin ist unverwechselbar sein Eigenes.
Auch seine Etiketten tragen eine Note historischer Ernsthaftigkeit: Manche Instrumente wurden mit Etiketten auf Papier aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts versehen — eine kleine, aber aussagekräftige Geste hin zur langen Kontinuität dieses Handwerks.
Ein Platz in der italienischen Gitarrenbaulandschaft
Italien hat stets herausragende Luthiers hervorgebracht, und die klassische Gitarre — oft als spanisches Territorium betrachtet — hat auf italienischem Boden echte Verfechter gefunden. Die florentinische Tradition, repräsentiert durch Baumeister wie Andrea und Giovanni Tacchi, und der kollaborative Geist hinter dem Italica-Projekt bezeugen beide die Tiefe dieser Kultur. Marchese gehört zu dieser Welt und trägt aus dem Piemont eine Sensibilität bei, die gleichermaßen vom alpinen Norden wie vom spanischen Süden geformt wurde — streng in der Struktur, verfeinert im Finish und aufmerksam für die dekorative Dimension des Instruments auf eine Weise, die die großen historischen Meister evoziert, ohne sie nachzuahmen.
Seine Gitarren haben ihren Weg zu ernsthaften Spielern gefunden, die die Kombination aus klanglicher Klarheit, dynamischer Ansprechbarkeit und visueller Schönheit schätzen, die seine Arbeit auszeichnet. Mit einer Mensur von 650 mm und einem Sattelabstand von 51 mm sind seine Instrumente für das professionelle Repertoire gebaut und beherrschen die volle dynamische und ausdrucksstarke Bandbreite, die die Konzertbühne verlangt.
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