José Simón Ramírez de Galarreta y Pernías wurde 1885 in Madrid geboren — als Sohn von José Ramírez I, dem Gründer einer der bedeutendsten Luthieriedynastien in der Geschichte der klassischen Gitarre. Er wuchs im Umfeld der väterlichen Werkstatt auf und erlernte das Handwerk direkt von seinem Vater. Doch bevor er das Familienerbe antrat, sollte sein Leben eine lange, unerwartete Wendung nehmen.
Der junge Gitarrist reist nach Südamerika
Neben seinem handwerklichen Talent war José Ramírez II auch ein fähiger Gitarrist. Im Alter von zwanzig Jahren erhielt er das Angebot, ein Konzertensemble auf einer zweijährigen Tournee durch Südamerika zu begleiten. Seinen Vater von dieser Idee zu überzeugen, war keine einfache Aufgabe — aber zwei Jahre schienen überschaubar. José durfte gehen.
Die Tournee wurde jedoch weit über ihren ursprünglichen Rahmen hinaus verlängert, und aus zwei Jahren wurden fast zwanzig. Nachdem das Ensemble sich aufgelöst hatte, entschied sich José, in Buenos Aires zu bleiben. Dort lernte er eine Spanierin namens Blanca kennen, die seine Frau werden sollte. Gemeinsam hatten sie zwei Söhne: José — der spätere José Ramírez III — und Alfredo.
Die Rückkehr nach Madrid
Im Jahr 1923 erreichte ihn die Nachricht vom Tod seines Vaters. Sie veranlasste ihn, mit seiner Familie nach Madrid zurückzukehren und das Kapitel Südamerika endgültig zu schließen. Zwei Jahre nach seiner Rückkehr übernahm er 1925 die Familienwerkstatt, die damals an der Calle Concepción Jerónima No. 2 im Herzen Madrids ansässig war.
Der Betrieb war bereits mit erfahrenen Handwerkern besetzt: Das Ladengeschäft im Erdgeschoss führte Jesús Martínez, während im Werkstattraum im Obergeschoss Alfonso Benito und Antonio Gómez als Gesellen tätig waren. Marcelo Barbero — der später selbst ein gefeierter Gitarrenbauer werden sollte — arbeitete als Lehrling, und Manuel Rodríguez, der unter dem Spitznamen „Marqui" bekannt war, übernahm die Lackierung. Dieses Team bildete den handwerklichen Kern, den José Ramírez II über viele Jahre führen und prägen würde.
Auszeichnung, Krieg und Materialknappheit
Die Jahre unter seiner Leitung brachten internationale Anerkennung, aber auch schwere Prüfungen. José Ramírez II wurde mit der Goldmedaille der Iberoamerikanischen Ausstellung in Sevilla ausgezeichnet — eine prestigeträchtige Ehrung, die den Ruf der Ramírez-Werkstatt weit über Spanien hinaus festigte.
Der Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 bedeutete einen tiefen Einschnitt. Der Konflikt legte Handels- und Lieferketten lahm und traf die Werkstatt empfindlich: Tonhölzer und hochwertige Materialien wurden knapp — für einen Gitarrenbauer ein nahezu existenzielles Problem. Diese Knappheit endete nicht mit dem Krieg. Sie bestand jahrelang fort und bestimmte jeden Entschluss in der Werkstatt.
Genau diese anhaltende Materialknappheit wurde zur zentralen Konfliktquelle zwischen José Ramírez II und seinem Sohn José Ramírez III, als Letzterer als Geselle in die Werkstatt eintrat und begann, eigene Experimente durchzuführen. Der Vater hatte die Disziplin der Kriegsjahre verinnerlicht; der Sohn drängte auf Innovation und Weiterentwicklung. In diesem Spannungsfeld zwischen Bewahrung und Aufbruch spielte sich ein generationeller Konflikt ab, der typisch für den Übergang von einem Handwerkszeitalter in ein neues war.
Das Erbe der zweiten Generation
José Ramírez II leitete die Familienwerkstatt bis zu seinem Tod im Jahr 1957 — durch Bürgerkrieg, Nachkriegsentbehrungen und den langsamen Wiederaufbau der spanischen Gesellschaft. Dass die Werkstatt in diesen Jahrzehnten nicht nur überlebte, sondern ihren Ruf wahren konnte, ist keine Selbstverständlichkeit. Er bildete Handwerker aus, die später zu eigenständigen Größen des spanischen Gitarrenbaus wurden, und er erzog den Sohn, der den Namen Ramírez in eine neue Ära führen sollte.
In der Geschichte der Gitarrenbaudynastie Ramírez wird die zweite Generation oft von den Persönlichkeiten des Vaters und des Sohnes in den Schatten gestellt. Doch José Ramírez II war das entscheidende Bindeglied: Er kehrte zurück, als es nötig war, übernahm Verantwortung unter schwierigsten Bedingungen und sorgte dafür, dass das Wissen und die Tradition der ersten Generation nicht verloren gingen. Ohne ihn hätte die Ramírez-Linie nach der ersten Generation enden können.
Wer die Geschichte der Ramírez-Gitarren aus erster Hand erleben möchte, findet in unserer Kollektion José-Ramírez-Gitarren eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl bedeutender Instrumente. Den weiteren Kontext liefert unser Artikel zur Geschichte der klassischen Gitarre. Welche Spieler auf Ramírez-Instrumenten Musikgeschichte schrieben, erfährst du in unserem Überblick über große klassische Gitarristen. Und wer verstehen möchte, welche Werke die spanische Gitarrentradition geprägt haben, findet in unseren Artikeln zu Recuerdos de la Alhambra und Francisco Tárrega wesentliche Hintergründe.





