Nick Drake (1948–1974) gilt als eine der eigenständigsten und melancholischsten Stimmen des britischen Folk — ein Singer-Songwriter, dessen drei Alben zu Lebzeiten weitgehend übersehen und Jahrzehnte später als bleibende Werke wiederentdeckt wurden. Weniger bekannt ist, dass Drake ausgebildeter klassischer Gitarrist war und dass die Technik, die er in Schule und Konservatorium erwarb, unmittelbar für den unverwechselbaren Klang seiner Aufnahmen verantwortlich ist.
Klassische Ausbildung
Drake wuchs in Tanworth-in-Arden in Warwickshire auf und zeigte früh Begabung auf mehreren Instrumenten, bevor die Gitarre in den Mittelpunkt rückte. Am Marlborough College, einer der führenden Privatschulen Englands, studierte er klassische Gitarre auf ernsthaftem Niveau und entwickelte jene Technik der rechten Hand und jene Haltung der linken, die alles prägen sollten, was er später aufnahm. Nach einem Jahr in Aix-en-Provence und einer kurzen Zeit in Cambridge schrieb er sich an der Guildhall School of Music in London ein, einem der bedeutendsten Konservatorien Großbritanniens, um Gitarre formal zu studieren. Nach seinem Vertrag mit Island Records verließ er die Guildhall 1968, doch das klassische Fundament blieb dauerhaft in seinem Spiel.
Wie die klassische Technik seinen Klang prägte
Sofort wiedererkennbar machten Drakes Spiel die Qualität seines Tons und die Differenziertheit seines Fingerpickings. Er spielte ohne Plektrum und trennte mit den Fingern der rechten Hand Basslinie, Melodie und Mittelstimme — ein grundlegend klassischer Zugang. Sein Daumen führte eigenständige Basslinien, während die Finger darüber Melodie und Harmonik formten; daraus entstand eine mehrstimmige Textur, die die meisten Folk- und Rockgitarristen jener Zeit nicht nachbilden konnten.
Sein ausgiebiger Gebrauch offener und alternativer Stimmungen — DADGAD, Drop D, verschiedene offene Stimmungen — hängt direkt mit seiner klassischen Herkunft zusammen. Klassische Gitarristen wissen, wie eine Stimmung Resonanz, Mitschwingen und harmonische Farbe verändert. Drakes Stimmungen waren sorgfältig gewählte Klangwelten: Jede gab einen bestimmten Charakter, den die Standardstimmung nicht hätte hervorbringen können.
Die Aufnahmen
Drakes drei Alben — Five Leaves Left (1969), Bryter Layter (1970) und Pink Moon (1972) — gelten heute als Meilensteine der Akustikgitarre. Pink Moon, in nur zwei Nächten mit nichts als Stimme und Gitarre aufgenommen, ist vielleicht das reinste Zeugnis dessen, was ein einzelner klassisch ausgebildeter Gitarrist erreichen kann: vollständige musikalische Eigenständigkeit, eine ganze Welt in einem Instrument. Im November 1974 starb er mit 26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva. Eine Volkswagen-Werbung nutzte 1999 Pink Moon und trug seine Musik weltweit in eine neue Generation. Sein Einfluss auf Künstler von Thom Yorke und Beck bis Robert Smith ist seither vielfach bezeugt.
Sein Vermächtnis
Nick Drake ist eines der klarsten Beispiele dafür, wie die Technik der klassischen Gitarre in die populäre Musik wandert und dort etwas vollkommen Eigenes hervorbringt. Sein Spiel erinnert daran, dass die Fähigkeiten, die klassische Ausbildung aufbaut — Unabhängigkeit der Finger, Kontrolle über den Ton, die Fähigkeit, einen vollständigen musikalischen Gedanken auf einem Instrument zu tragen —, nicht dem Konzertsaal allein gehören.





