Prolog
Um den Madrider Gitarrenbauer Santos Hernández ranken sich bis heute Mythen. Manche beschrieben ihn als stillen, zurückhaltenden Bewahrer von Geheimnissen. Familie und enge Freunde erinnerten sich hingegen an einen freundlichen, aufgeschlossenen Menschen. Welche Darstellung näher an der Realität liegt, bleibt letztlich eine Frage persönlicher Einschätzung.
Unbestritten ist jedoch seine Bedeutung: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinterließ dieser Guitarrero besonders tiefe Spuren in der Geschichte der spanischen Gitarre. Viele Hinweise sprechen dafür, dass Santos Hernández für Gitarrenbauer unterschiedlichster Schulen ein zentraler Wegbereiter in Richtung Moderne war.
Biografische Daten
1873 in Madrid geboren, begann Santos Hernández mit etwa zehn Jahren in der Guitarrería von Valentín Viudes zu arbeiten. In dieser Zeit begegnete er Antonio Emilio Pascual Viudes y Aznar, mit dem er später erneut in Verbindung stehen sollte. Die Jahre bei Viudes gaben ihm umfangreiche praktische Erfahrung. Später soll er auch in Werkstätten wie Rafael Ortega, Saturnino Rojas sowie Hijos de González gearbeitet haben. Von 1893 bis 1898 leistete er Militärdienst.
Anschließend arbeitete er im Atelier von Manuel Ramírez de Galarreta Planells (1864–1916) und wurde um 1905 dort leitender Handwerker. Zu seinen Kollegen zählten Domingo Esteso, Modesto Borreguero und A. E. Pascual Viudes. Er blieb bis zum Tod von Manuel Ramírez im Jahr 1916 und arbeitete danach noch bis etwa 1919 für dessen Witwe, bevor er sich eigenständig etablierte.
Als früheste, ausdrücklich mit Santos verbundene Gitarre gilt das Instrument „El Bombón“ aus 1903, vermutlich in seinem Wohnumfeld in der c/Humilladero 10 gebaut. Eine weitere Gitarre aus der Werkstatt Ramírez, gebaut 1912 (ursprünglich als 11-saitiges Instrument, später zur 6-saitigen Gitarre umgebaut), wurde für die nächsten 25 Jahre besonders berühmt: Mit der „Manuel Ramírez 1912“ begann Andrés Segovia seine internationale Karriere.
Nach 1916 führte die Werkstatt die Arbeit als „Viuda de Manuel Ramírez“ fort. Die Gitarrenbauer Santos Hernández, Domingo Esteso und Modesto Borreguero durften ihre Initialen (SH, DE, MB) auf dem Etikett anbringen. Santos beendete diese Zusammenarbeit um 1919 und arbeitete fortan selbstständig. Frühe Instrumente der eigenständigen Phase werden mit 1918 datiert und zeigen bereits die Adresse Aduana 27. Eine offizielle Genehmigung zur Eröffnung einer Gitarrenwerkstatt erhielt er 1921. Innerhalb der Familie wurde jedoch überliefert, dass Aduana 27 bereits seit 1917 zu ihm gehörte. Im Jahr 1932 änderte sich die Hausnummer zu Aduana 23.
Santos Hernández blieb dort bis zu seinem Tod am 18. März 1943. Seine Witwe Matilde Ruiz López (1874–1960) führte die Werkstatt weiter. 1945 fand in Madrid eine Ausstellung bedeutender Santos-Gitarren statt, bei der Musiker wie Regino Sainz de la Maza, die Schwestern España und América Martínez sowie Quintín Esquembre auf diesen Instrumenten spielten und Vorträge hielten.
1946 erhielt Matilde Ruiz die Erlaubnis, den Namen in „Viuda de Santos Hernández“ zu ändern. Sie beschäftigte Marcelo Barbero als Gitarrenbauer und Fernando Solar für Geigenreparaturen, da Santos gelegentlich auch Geigen gebaut hatte. Laut Überlieferung half gelegentlich auch die Familie Rodríguez beim Lackieren. Fernando Solar arbeitete dort bis 1948, Barbero blieb etwas länger, war jedoch bereits mit eigenem Etikett in Madrid tätig.
Nach dem Tod von Matilde Ruiz im Jahr 1960 wurden Gitarren unter anderem von Francisco Fernández und später Vicente Checa gebaut. Feliciano Bayón de la Morena begann zunächst mit Reparaturen und fertigte ab 1963/64 eigene Instrumente unter der Bezeichnung „Sobrinos de Santos“. Sein Sohn Santos Bayón Ruiz baute ab 1970 und führte die Arbeit bis 2007 fort. Die Werkstatt Aduana 23 war danach nur noch gelegentlich geöffnet, die endgültige Schließung erfolgte 2009.
Wichtige Merkmale der Gitarren von Santos Hernández
Die Form der Kopfplatte
Die Entwicklung der Kopfplattenform lässt sich über mehrere bekannte Instrumente nachzeichnen. 1903 zeigt „El Bombón“ eine Kopfplatte, wie sie auch bei kleineren, reich dekorierten Gitarren aus dem Umfeld von Manuel Ramírez vorkommt. Eine 1918 datierte Palisander-Gitarre mit Aduana-Etikett nutzt noch die klassische Kopfplattenform aus der Ramírez-Tradition. Um 1921/22 erscheinen kleinere Instrumente mit 640 mm Mensur und Perlmuttdekor, deren Kopfplatte ohne die zentrale Spitze auskommt. 1923 ist eine Variante mit kleinen Einkerbungen an den Seiten belegt. Um 1925 etabliert sich die klassische Santos-Kopfplatte als dauerhafte Form, auch wenn einzelne Gitarren weiterhin die früheren Varianten zeigen.
Diese Entwicklung kann als schrittweise Vereinfachung verstanden werden, von stärker geschnitzten Linien hin zu einer klareren, blockhaften Silhouette.
Einige wenige Instrumente zeigen zudem ein ungewöhnliches Detail: Bei mindestens zwei Gitarren wurden die Öffnungen für die Mechaniken im unteren Bereich im Stil von Antonio de Torres ausgeschnitten. Üblicherweise sind diese Partien bei Santos rundlicher ausgeführt. Beide Instrumente standen im Zusammenhang mit Regino Sainz de la Maza, und laut Familie soll der Musiker diese Ausführung ausdrücklich gewünscht haben.
Die Rosette
In der Fachliteratur wird betont, dass Santos Hernández jeder Gitarre eine eigene Rosette gab. Die überlieferten Instrumente zeigen tatsächlich eine große Bandbreite, von schlichten Farbringen um ein kleines Mosaik bis zu sehr feinen Einlagen, teils auch in Perlmutt. Auffällig ist, dass die Dekorationen trotz Vielfalt nicht überladen wirken, sondern auf ein ausgewogenes Gesamtbild zielen. Diese Bandbreite wird als außergewöhnlich innerhalb der spanischen Gitarrenbaugeschichte beschrieben.
Die Stege
Viele Santos-Gitarren zeigen am Steg zwei kleine Einlagen aus Knochen im Bereich der Saitenbefestigung. Manchmal erscheint zusätzlich ein kleines, rechteckiges Knochenfeld. Bei einigen Instrumenten aus der Phase 1921/22 ist der Knotenblock großflächig mit Knochen abgedeckt, teils ergänzt durch Einlagen in den Flügeln aus Knochen oder Perlmutt.
Bei besonders aufwendig gestalteten Instrumenten aus brasilianischem Palisander oder stark geflammtem Ahorn findet sich eine noch exklusivere Stegdekoration, etwa ein rechteckiger Rahmen aus Elfenbein um eine Perlmuttplatte oder Kombinationen aus Elfenbein- und Perlmuttlinien. Laut Familienüberlieferung war diese Ausführung ein Hinweis auf einen besonders wichtigen Auftrag oder ein Instrument, das Santos für sich selbst fertigte.
Besonders dekorierte Instrumente um 1921 bis 1923
Aus den Jahren 1921 bis 1923 sind kleinere, reich dekorierte Instrumente überliefert, mit Mensuren zwischen 62 und 64 cm, Perlmutt- und Elfenbeineinlagen an Schallloch und Stegflügeln sowie speziellen Etiketten. Eine Deutung ist, dass Santos beim Aufbau seines eigenen Geschäfts in 1921 unterschiedliche Modelle zeigen wollte, um potenziellen Kunden sein Spektrum im Gitarrenbau zu demonstrieren, ähnlich wie es auch bei Manuel Ramírez für bestimmte, stärker dekorierte Instrumente belegt ist.
Etiketten und Kennzeichnung
„El Bombón“ aus 1903 zeigt ein besonders schlichtes Etikett mit Name, Ort und Jahr. Für die Zeit 1916 bis etwa 1919 ist das Etikett der „Viuda de Manuel Ramírez“ mit SH-Stempel belegt.
In der eigenständigen Phase von 1918 bis 1943 verwendete Santos zwei Etikettentypen, häufig als „Bühne“ und „Kreuz“ bezeichnet. Der erste Typ erscheint vor allem bei Instrumenten aus Zypresse, Mahagoni oder indischem Palisander. Das „Kreuz“ findet sich eher bei luxuriösen Instrumenten aus brasilianischem Palisander oder Ahorn, zusammen mit aufwendigen Rosetten, Einlagen und exklusiver Stegdekoration. Diese Gitarren galten als Spitzenstücke seiner Arbeit.
Eine Gitarre aus 1918 zeigt bereits das Aduana 27-Etikett im „Bühne“-Stil und eine Kopfplatte in Ramírez-Tradition. Eine Flamencogitarre aus 1919 trägt eine besondere Adresse, die auf Plaza de Nicolás Salmerón 8 verweist, dem damaligen Wohnort der Familie. Die kleineren Luxusgitarren der Jahre 1921/22 besitzen Etiketten, die an diese Variante anknüpfen, jedoch mit gedruckter Adresse Aduana 27.
Santos nummerierte seine Gitarren nicht. Frühe Etiketten zeigen außer dem Baujahr keine handschriftlichen Zusätze. Um 1931 taucht seine Signatur gelegentlich auf, ab etwa 1935 wird sie regelmäßig.
Beleistung
In frühen Gitarren, zunächst geprägt von Torres und dann von Manuel Ramírez, ist eine zunehmende Experimentierfreude erkennbar. Überliefert sind unterschiedliche Fächerbeleistungen, teils parallel angeordnet, schräg gesetzte Balken und weitere Varianten. Ein luxuriöses Palisanderinstrument von 1921 wird zudem mit gewölbtem Boden beschrieben. Auch die Reihenfolge der Montage konnte variieren, etwa indem die Decke zuletzt aufgesetzt wurde.
In der Familienüberlieferung wird betont, dass Santos die Eigenschaften des Holzes intensiv prüfte und daraus die Konstruktion ableitete. Demnach bestimmten Materialbeobachtungen die Wahl von Beleistung und Verstrebung. Diese Haltung passt zu dem Eindruck, dass Santos jedes Instrument als eigenständige Persönlichkeit behandelte.
Klangbild
Der Klang der Santos-Gitarren wird in verschiedenen Entwicklungsrichtungen beschrieben, von traditionell zu moderner, von intimer Wärme zu größerer Brillanz und Tragfähigkeit, passend für größere Konzertsäle. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten die Torres-orientierten Instrumente zunehmend auch die Madrider Szene. In diesem Umfeld entwickelte Santos, ausgehend von vorhandenen Traditionen, eine Klangästhetik, die neben Wärme und Farbenreichtum auch Brillanz und Tragfähigkeit betonte.
Parallel veränderten sich die Anforderungen der Musiker. Virtuosen wie Andrés Segovia im klassischen Bereich oder die wachsende Bedeutung des Toque im Flamenco verlangten Instrumente, die sowohl differenziert als auch durchsetzungsfähig waren. Santos’ Flamencogitarren, meist aus Zypresse, werden als Verbindung aus klarer, prägnanter Flamenco-Stimme und lyrischen Qualitäten beschrieben, wodurch komplexe Passagen mit hoher Modulation und Klangfarbe möglich wurden.
Berühmte Gitarren von Santos Hernández
Zu den bekanntesten Instrumenten zählt die „Manuel Ramírez 1912“, gebaut von Santos Hernández, zunächst als 11-saitige Gitarre und später zur 6-saitigen umgebaut. Andrés Segovia spielte dieses Instrument etwa 25 Jahre lang. Santos führte Reparaturen daran aus und soll um die Erlaubnis gebeten haben, sein eigenes Etikett einzukleben, da er der Erbauer war. Segovia lehnte dies ab und erlaubte lediglich eine Santos-Etikette mit handschriftlichem Reparaturvermerk.
Segovia erhielt in den 1920er-Jahren weitere Santos-Instrumente, blieb jedoch bei seinem 1912er Instrument. Eine Gitarre von 1924 stiftete er der Víctor-Espinós-Musikbibliothek in Madrid. Ein späteres Instrument führte laut Überlieferung zu einem Bruch zwischen Segovia und Santos. Dieses Instrument, von Santos „La Inédita“ genannt, blieb zu seinen Lebzeiten in seinem Besitz und wurde 1970 durch die Familie verkauft.
Regino Sainz de la Maza war ein wichtiger Vertreter der Madrider Szene und schätzte Santos-Gitarren besonders. Eine Gitarre von 1934, „La Rubia“, ist mit der Uraufführung von Joaquín Rodrigos „Concierto de Aranjuez“ im November 1940 in Barcelona verbunden.
Weitere bekannte Instrumente werden unter Namen wie „La Clavelitos“ und „Pepita Jiménez“ erwähnt, mit dokumentierten Besitzwechseln über verschiedene Musiker und Sammler. Im Flamenco-Kontext gilt „La Leona“ als prominentes Beispiel, das mit Ramón Montoya verbunden wird und bis 1946 sein Hauptinstrument gewesen sein soll, bevor es in den Besitz der Familie de Zayas überging.
Auch spätere Musiker und Musikerinnen werden genannt, die Santos-Instrumente spielten oder bewahrten, darunter Luise Walker (1910–1998) und Pedro Soler (geb. 1938). Diese Beispiele werden als Hinweis auf die Bedeutung der Instrumente in unterschiedlichen musikalischen Welten verstanden.
Epilog
Der Text schließt mit einer persönlichen Deutung dessen, was als „Espíritu Santos“ bezeichnet wird. Genannt werden unter anderem frühe Einflüsse, handwerkliches Talent, Sinn für Ästhetik, die Fähigkeit, Klangmöglichkeiten im Holz zu erkennen, Kontakt zu bedeutenden Musikern sowie der kontinuierliche Wunsch nach Weiterentwicklung. Im Zentrum bleibt dabei ein Leitgedanke: Entscheidend ist letztlich der Klang der Musik.
Karlstein, 28.02.2022
Siegfried „Hogi“ Hogenmüller
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